Yoga und kulturelle Aneignung – Gedanken zu einem komplexen Thema
Die Auseinandersetzung mit dem Thema „kulturelle Aneignung“ hat längst auch die Yogawelt erreicht.
Worum geht es?
Wir lernen, üben und lehren Yoga in unserem westlichen Kontext und eignen uns dabei eine Tradition des indischen Subkontinents an, deren Wurzeln mehrere tausend Jahre zurückreichen.
Es gibt zahlreiche Forschungen darüber, wie sich der Yoga in vedischer und tantrischer Tradition entwickelt hat. Es gibt Erkenntnisse darüber, von welchen philosophischen Einflüssen er geprägt und verändert wurde, und wie er schließlich im Zusammenhang mit der kolonialen Besetzung Indiens in globalen Austausch trat. Diese Entwicklung geht bis hin zu dem aktuellen Phänomen eines weltweiten Yogabooms, dem sogenannten modernen Yoga, in dem die historischen und kulturellen Ursprünge nicht immer eine gebührende Rolle spielen. Es wird darüber geforscht und gestritten, ob die westliche körperorientierte Gymnastikbewegung des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts die Yogapraxis in Indien beeinflusst hat oder andersherum. Oder wechselseitig. Es gibt Yogapraktizierende, die auf den „klassischen Yoga“ schwören – unbestritten dürfte sein, dass es diesen nicht gibt, denn Yogapraxis war und ist immer im Fluss, in Veränderung und in Anpassung.
Aber wo liegt nun das Problem für die Yoginis und Yogis in der westlichen Welt?
Kulturelle Aneignung ist die Übernahme von kulturell geprägtem Wissen, Traditionen, religiösen oder philosophischen Überzeugungen durch eine andere Kultur. Deren Manifestationen in konkreten Ausdrucksformen wie z. B. Kleidung, Symbolen, Kunst, Musik und Riten usw. werden übernommen und in den neuen kulturellen Kontext implementiert.
An sich erst mal kein Problem, denn Kultur in einem dynamischen und kreativen Verständnis entsteht ja durch Austausch, durch ein Sich-gegenseitig-Befruchten, durch Adaption und Anpassung. Wie bereichernd und beglückend kann die Auseinandersetzung mit dem Anderen, dem Fremden in einer globalisierten Welt sein! In der Begegnung mit anderen Kulturen überdenken wir Eigenes und passen es an, wir lernen und entwickeln uns weiter.
Andersherum: ein Begriff von Kultur, der sich an festgelegten Identitäten orientiert, ist starr (z. B. „deutsche Leitkultur“), im schlimmsten Fall ausgrenzend und rassistisch, auf jeden Fall in keiner Weise zeitgemäß.
Wichtig ist nun, zwischen kulturellem Austausch und kultureller Aneignung zu unterscheiden.
Kultureller Austausch kann nur bereichernd und beglückend sein, wenn er auf Augenhöhe stattfindet, wenn es ein gleichberechtigter Austausch ist. Hierin liegt das Problem, und nun kommt der Begriff der „cultural appropriation“, der kulturellen Aneignung, ins Spiel:
Global gesehen herrscht eine Dominanz der westlichen Kultur. Sie ist geprägt durch Kapitalismus und Konsumorientierung. Ihre postkolonialistische Haltung anderen Kulturen besonders des globalen Südens gegenüber bringt einen kulturellen Austausch in eine Schräglage. Wo die Machtverhältnisse einseitig gelagert sind, kann nicht von Austausch auf Augenhöhe die Rede sein. Dann reiht sich die kulturelle Aneignung ein in die postkolonialistische Ausbeutung: so wie Bodenschätze oder menschliche Arbeitskraft gestohlen wurden und werden, werden kulturelle Bestandteile aus ihrem Kontext gerissen und in der westlichen Welt konsumiert.
Sriram übersetzt in diesem Zusammenhang „appropriation“ mit Entwendung statt Aneignung.
Also befinden wir uns in der westlichen Welt als Yoga-Praktizierende auf dünnem Eis:
Inwieweit steht es uns zu, diese alte Weisheitslehre aus Indien zu nutzen? Oder ist es ein postkoloniales Entwenden, wenn wir im westlichen Kontext Yoga praktizieren? Wir sind global gesehen in einem Status von Privilegiertsein, der uns zu besonderer Umsicht und Zurückhaltung verpflichten sollte, wenn es um Aneignung von (Yoga-)Kultur geht.
Andererseits wurden doch verschiedene indische Yogalehrer von ihren Gurus beauftragt, Yoga im Westen zu unterrichten, Yoga im Westen zu verbreiten.
Im Sinne der paramparā, der Wissensweitergabe in einer Traditionslinie von Lehrer:in zu Schüler:in, sind zahllose westliche Yoginis und Yogis seriös ausgebildet worden, Yogawissen weiterzugeben.
Und es gibt kein Patent auf „Yoga“, es ist keine geschützte Marke (auch wenn Narendra Modis hindunationalistische Regierung Indiens dies zu vermitteln versucht), alle scheinen Yoga praktizieren zu dürfen, wie es ihnen gefällt.
Ein Dilemma.
Es gibt in diesem Kontext keine klaren Antworten, was richtig ist und was nicht.
Es bleibt die Aufgabe, einen offenen Dialog zu führen, zu forschen und sich auszutauschen. Lassen wir doch im besten Fall Menschen, die dem indischen Kulturkreis entstammen, zu Wort kommen und hören wir ihnen zu, wie z. B. Sriram.
Oder Sangeeta Lerner, die ergänzt: Es braucht einen offenen Dialog ohne Festlegung auf Opfer- oder Täterrollen! Oder Vanamali Gunturu, der die Kommerzialisierung von Yoga als klare Zweckentfremdung beschreibt.
Der Austausch über diese Thematik, ein Problembewusstsein für die politischen Hintergründe unserer Yogapraxis muss den Blick weiten.
Da wir offensichtlich um Aneignung im kulturellen Austausch nicht herumkommen, bedarf es einer ethischen Grundlage für diese Aneignung.
Jürgen Balzer führt dazu in seiner „Ethik der Appropriation“ einige Gedanken aus:
„Es gibt kein Außerhalb der Appropriation (…); es ist sogar so, dass jede emanzipatorische Form der Kultur notwendig eine diverse, also appropriierende ist. Eine Ethik der Appropriation müsste sich also nicht in der Form des Verbots konstituieren. Sondern vielmehr in der Form des Gebots: Appropriiere! Aber tue es richtig! Das heißt: Tue es, indem du appropriierst – und darin zugleich die Machtverhältnisse reflektierst, die sich in der Appropriation spiegeln.“ Er postuliert „eine Ethik, die das Fremde im Eigenen freudig umarmt – und der die Solidarität im Diversen wichtiger ist als der Kampf aller gegen alle.“
Die Yogaforscherin Laura von Ostrowski hat dafür einen „Step by step – Guide für heutige Yogainteressierte“ entwickelt:
„1. Sich umfassend mit indischen Yogaformen auseinandersetzen und die Yogavielfalt im indischen Kulturraum selbst verstehen.
2. Sich – auch kritisch – mit den verwobenen, bereits auf interkulturellem Kontakt aufbauenden Anfängen modernen Yogas in Indien beschäftigen.
3. Sich mit der Geschichte der Yogarezeption in der eigenen Kultur auseinandersetzen: Motivationen und Einflüsse der jeweiligen Empfängerkultur klar analysieren können.
4. Wissenschaftliche Ergebnisse von alternativen Fakten unterscheiden lernen und zur historischen Aufklärung beitragen.“
Ich denke, es geht auch um ein ehrlich interessiertes und sensibles Erkunden und Lernen versus Gedanken- und Respektlosigkeit.
Ich empfinde es als gedankenlos, wenn wir Yoga als trendigen Sport betrachten, der in immer neuen marketingtauglichen Varianten ein westliches Publikum bedienen möchte, das in dem berechtigten Wunsch nach sinnvoller Bewegung oder Entspannung dem immer unübersichtlicher werdenden Angebot der Yogaszene ausgeliefert ist.
Ich empfinde es als gedankenlos, Yoga zu kommerzialisieren, indem Yoga in Settings angeboten wird, die an der Seriosität der Anbietenden zweifeln lassen. Vollgestopfte Yogaklassen, zweifelhafte Abomodelle bei gleichzeitig prekärer Bezahlung von Yogalehrenden vor allem in Sportstudios, mangelnde Nachweise über Ausbildungsstandards und schließlich eine Produktflut vermeintlich notwendiger Yogaaccessoires zeugen für mich von Respektlosigkeit.
Und ich empfinde es als gedankenlos, Yoga auf den körperlichen Bewegungsaspekt zu reduzieren. Dann können wir auch Gymnastik betreiben und brauchen es nicht mit „Yoga“ zu labeln.
Ohnehin: was wird alles mit „Yoga“ gelabelt – aber was ist wirklich Yoga daran? Häufig mehr hipper Lifestyle als tiefes Verständnis.
Ebenso empfinde ich es als gedankenlos, Yogapraxis darauf zu reduzieren, dass es nur mir selbst besser gehen soll als vorher. Yoga als Werkzeug der Selbstoptimierung bindet Yoga in kapitalistische Optimierungsprozesse ein.
Mir ist es ein Anliegen, aufmerksam zu betrachten, dass der Yogaweg ein ganzheitlicher Übungsweg ist, der nicht nur Körper, Atem und Geist in Einklang bringt, sondern in alle meine individuellen, sozialen sowie in alle globalen Lebensbereiche hineinwirken kann. Und diese Betrachtung braucht ein respektvolles Bewusstsein für die Quellen des Yoga.
Yoga wird als Indiens Geschenk an die Welt bezeichnet.
Krishnamacharya, dessen Verdienst es ist, die tradierte Yogalehre an das 20. Jahrhundert anzupassen, soll es so geäußert haben. Diese Haltung vertrat auch sein Sohn T.K.V. Desikachar. „Die aus Yoga resultierenden Möglichkeiten zur professionellen Schulung und Entwicklung von Gelassenheit und Erkenntnis sind das Geschenk Indiens an den modernen Menschen. Hierbei hat sich Desikachar selbst stets als „Postbote“, als Überbringer einer über Jahrtausende gereiften Tradition des „Mensch seins“ verstanden.“.
Das ist ein überwältigendes Angebot: eine Weisheitslehre aus einem jahrtausendealten Kulturkontext wird der ganzen Welt als Geschenk angeboten.
Da muss ich mich fragen: Wie gehe ich angemessen mit Geschenken um?
Bekomme ich ein wertvolles Geschenk, zumal aus einem historischen Kontext, ist das erste, mich gebührend zu bedanken.
Ich kann mich dankbar zeigen, indem ich das Geschenk würdige: ich nehme es nicht gedankenlos an und in Besitz. Sondern ich frage nach der Herkunft des Geschenks, interessiere mich für die Geschichte, die zum Geschenk gehört.
Ich (be)nutze das Geschenk mit Freude, aber auch in gebührender Ehrerbietung.
Und am besten behalte ich das Geschenk nicht für mich allein, sondern teile es mit Anderen, genieße es in Gemeinschaft.
Und so kann ich vielleicht mit diesem enorm wertvollen Geschenk Yoga angemessen umgehen:
Ich kann mich den Traditionen des Yoga gegenüber dankbar erweisen, indem ich sie als jahrtausendealte Kultur würdige und mich mit ihr beschäftige. Ich kann wertschätzen, in welcher Weise sie gegenüber der westlichen Kultur ganz eigene Schwerpunkte und Blickweisen entwickelte. Ich kann mich bemühen, den eurozentristischen Blick auf Geschichte und Philosophie, auf grundlegende Fragen des Lebens zu hinterfragen, und ich kann versuchen, mich unvoreingenommen auf mir vielleicht im ersten Moment fremde Gedanken und Sichtweisen einzulassen. Ohne vorurteilshafte Distanz, aber auch ohne distanzlose, verklärende Faszination für das Exotische, das Esoterische, das Andersartige. Und ich kann mich bemühen, den politischen Kontext von Kolonialismus mitzudenken, wenn ich mich mit Yoga befasse.
In dieser Weise möchte ich Yoga auch mit anderen Menschen teilen: mit der gebotenen Sensibilität und orientiert an den ursprünglichen Quellen des Yoga.
Vielleicht ein praktikabler Ansatz, um als Mensch aus dem westlichen Kulturkreis ethisch angemessen appropriierend Yoga zu üben und zu vermitteln?
Literatur & Quellen:
Im Podcast „Besser leben mit Yoga – Der YogaEasy – Podcast“ mit Kristin Rübesamen #89: Ist Yoga im Westen kulturelle Aneignung? – Sanskritkundiger und Yogalehrer Sriram vom 22.04.2021
2 Im Podcast “Yoga ist politisch“ 004: Keine kulturelle Aneignung im Yoga vom 01.04.2022
3 In der Sendung „Ist Yoga für alle da? Sternstunde Religion“ SRF Kultur vom 06.09.2022
4 Balzer, Jürgen (2022). Ethik der Appropriation. Berlin: Matthes und Seitz
5 a. a. O., S. 80f.
6 a. a. O., S. 82
7 von Ostrowski, Laura: Moderner Yoga: Eine Standortbestimmung. Vorlesung im Wissenschaftsschwerpunkt Yogastudien der Universität Hamburg vom 02.11.2022. zuletzt aufgerufen am 20.02.2023
8 Desikachar, T. K. V. (2015). Yoga. Heilung von Körper und Geist jenseits des Bekannten. Leben und Lehren Krishnamacharyas. 3. Aufl. Bielefeld: Theseus, S. 12
9 Slisch, Cornelia; Heitmeyer, Christiane; Slisch, Jürgen (2013). Leben und Werk T.K.V. Desikachars. In: Deutsches Yoga-Forum, Heft 05, 10/2013, S. 10;
Bild: Alexis Brown | unsplash.com
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