Lokasaṁgraha: Im Zustand des Yoga für das Wohlergehen der Welt handeln
„Frei von Anhaftung handeln Weise des Yoga für das Wohlergehen der Welt (lokasaṁgraha).“ So steht es in der Bhagavad Gītā, 3.25. Was wir gerade in der Welt erleben, ist, dass es (nicht nur) auf der politischen Bühne massiv an dieser Weisheit fehlt – mit fatalen Folgen für das Schicksal abertausender Menschen. Können wir uns da noch selbstgenügsam um das eigene Wohlergehen kümmern? Die Weisheit, für die Krishna (kṛṣṇa) in der Gītā spricht, fordert von Menschen, verkörpert in der Gestalt des Arjuna, dass sie sich angesichts des Zerfalls des dharma, des Gesetzes der harmonischen Ordnung, aus ihrer Lethargie und Untätigkeit erheben und handeln: „Erhebe dich – uttiṣṭha!“
Die Zeiten, als die Themen Solidarität, Chancengleichheit, soziale Gerechtigkeit im öffentlichen Diskurs präsent waren liegen lange hinter uns. Im Fahrtwind zunehmend offen extremer Haltungen in der Gesellschaft wird die Aufmerksamkeit auf das Thema Migration fokussiert, anstatt auf die desolaten Zustände in Bezug auf Bildung, Gesundheitssystem, die steigenden Mieten und Lebensmittelpreise, die größer werdende Kluft zwischen Reich und Arm, usw. Menschen, die vor der Gewalt und dem Elend in ihren Ländern geflohen sind, werden zum Sündenbock gemacht. Sie werden zur Zielscheibe von Wut und Hass. In den Tagen, als ich diese Zeilen schreibe, bringt die CDU zum ersten Mal gemeinsam mit den Stimmen der AfD den Beschluss für eine erbarmungslose Migrationspolitik durch den Bundestag.
Was hat das alles mit Yoga zu tun? Bedeutet Yoga eigentlich, sich allein um die persönliche, spirituelle Entwicklung und Entspannung zu kümmern, und sich nicht mit politisch-gesellschaftlichen Fragen zu befassen? Sind das zwei verschiedene Sachen? Was hat Yoga mit Politik zu tun? Halte ich mich raus, oder leiste ich Widerstand, wenn Unrecht geschieht? Martin Niemöller 1, evangelischer Theologe, der im Konzentrationslager inhaftiert war, schrieb nach dem Krieg: „Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.“ Der Text nennt dann Sozialdemokraten, Gewerkschafter und endet mit den Sätzen: „Als sie die Juden holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Jude. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“ Mit welcher Haltung erhebe ich mich (uttiṣṭha!)? Wie handeln wir im Zustand des Yoga für das Wohlergehen der Welt?
Lokasaṁgraha ist eine Haltung, die eng verknüpft ist mit dem Verständnis der Welt als einem zusammenhängenden Ganzen. Daraus geht eine Verantwortung für die Ganzheit des Seins hervor. Das harmonische Zusammenwirken, die harmonische Ordnung (dharma) im Gesamtsystem des Miteinanders, wird gefördert, wenn Menschen ihr Handeln als selbstlose Darbietung (yajña) vollbringen. „Die Bedeutung von yajña,“ sagt Vimala Thakar 2, kann wiedergegeben werden als „das Hineinschütten des vollständigen, eigenen Seins in jede Aktivität, jede Geste, in jedem Augenblick. […] Wenn du Wissen mit denjenigen teilst, die keinen Zugang dazu haben, vollführst du eine heilige, heilsame Handlung, ein yajña. Diejenigen, die Geld haben, teilen Geld; diejenigen, die Weisheit haben, teilen Weisheit. Auch durch Hingabe und dadurch, dass du dich einer Sache vollständig widmest, dass du dem Kosmos und allen mit dir lebenden Wesen dienst, vollführst du yajña.“
Eine Aktivität hat nur dann die Qualität des yajña, wenn keine selbstbezogenen Motive ins Spiel kommen. Dann ist die Handlung gleichsam in das systemische Gesamtgeschehen eingebettet. Die handelnde Person ist sich bewusst, dass das, was Gestalt annimmt, von sehr viel mehr Faktoren abhängt als von ihrem willentlichen Einsatz. Sie weiß, dass sie nicht die bestimmende Kraft ist. In diesem Sinne ist sie keine Macherin. Und sie vollführt ihre Aktivitäten mit einer inneren Haltung des Nicht-Tuns. Sie bleibt tatenlos, frei von Taten. Vor diesem Hintergrund interpretiert M.K. Gandhi 3 lokasaṁgraha in seinem Kommentar zur Gītā: „Ein Mensch der Weisheit sollte arbeitsam sein und so intensiv wie andere [unwissende Menschen] arbeiten; mit dem Unterschied, dass er selbstlos und ohne Anhaftung für das Wohl der Welt arbeitet. Wenn wir in diesem Sinn arbeiten, bewegen wir uns auf dem Weg der spirituellen Erkenntnis. Und, obwohl wir tätig sind, bleiben wir tatenlos.“ Das entscheidende Kriterium ist die Freiheit von selbstbezogenen Motiven.
Ganesh Dao 4 bezeichnet lokasaṁgraha als eins der wesentlichen sozialen und ethischen Ideale in der indischen Gesellschaft. Er erwähnt, dass Sri Aurobindo, M.K. Gandhi, Vivekananda, Lokmanya Tilak, und weitere zeitgenössische, indische Weise und Denker sich mit diesem Prinzip auseinandergesetzt haben. Er schreibt, lokasaṁgraha bedeute „das Wohlergehen von allen. Ein Handeln, das mit einer gleichmütigen, großherzigen Haltung vollzogen wird, das nicht allein um sich selbst willen vollzogen wird, sondern immer auch im Hinblick auf andere. Es ist ein Handeln, das von selbstbezogenem Verlangen frei ist (niṣkāma karma)“. Er schreibt, dass dieses Konzept mit dem Begriff „Vasudhaiva Kutumvakam“ aus den Veden verknüpft ist, und erläutert weiter: „Vasudha (Erde) + eva (ein einziges) + kutumvakam (Familie) bedeutet wörtlich ‚die Welt ist eine einzige Familie‘. Die ganze Erde und alle ihre Wesen stehen in Beziehung zueinander.“
Hier handelt es sich weniger um ein moralisches Gebot als vielmehr um eine von Erfahrung getragene, innere Haltung. Sie entsteht durch Einsicht in Verbundenheit, und diese wiederum wird durch die Yogapraxis kultiviert. Dazu sagt die Bhagavad Gītā: „Jene Person, die in Yoga verbunden ist (yogayuktātmā), sieht in allen Wesen sich Selbst und in sich selbst alle Wesen“ (BhG 6.29). „Wer erkennt, dass īśvara, die innerste Essenz allen Seins, alles gleichermaßen durchdringt und in allem gleich ist, fügt sich selbst keinen Schaden zu“ (BhG 13.28).
Alles hängt mit allem zusammen – das klingt erst einmal wie eine Binsenweisheit, etwas, das offenkundig ist, etwas, das alle wissen. Doch wer von uns lebt im Bewusstsein dieser Verbundenheit, wessen Handlungen beziehen dieses Bewusstsein konsequent ein? Die Unkenntnis der Wirklichkeit (avidyā) führt zu der gefühlten Überzeugung, ein separiertes Individuum zu sein (asmitā), dass zuvorderst die eigenen Interessen im Blick haben muss: „Erst einmal Ich!“ Dann vielleicht noch mein nächstes Umfeld. Doch danach wird schon die Trennung schärfer. Wir erleben gerade die Konsequenzen der Devise „America first!“ Die Brille des „Wir“ und „Die Anderen“ beginnt im Kleinen und wird potenziell immer unheilvoller, je größer der Maßstab wird.
Die Situation verschärft sich weiter im Kontext der größeren politischen und gesellschaftlichen Prozesse, die wir auch in Deutschland erleben. „Ausländer. Flüchtlinge. Migranten. Sozialtouristen.“ Die Reihe der Schlagworte, mit denen Ausgrenzung betrieben wird, setzt sich auch gegenüber unliebsamen oder vulnerablen Menschen im Inland sukzessive fort, wie es in den Zeilen von Niemöller anschaulich zum Ausdruck kommt. Wir sehen, wie durch die Stigmatisierung von Menschen und die Schaffung von Feindbildern ein enges Weltbild weiter angefeuert wird. Die Folge ist ein Gefühl von Bedrohung, eine Verteidigungshaltung und eine weitere Verengung – auf allen Seiten.
Wie können wir dieser Dynamik etwas anderes entgegensetzen? Wie können wir verbindende Beziehungen kultivieren? Wie gehen wir über Echokammern hinweg in Kontakt miteinander? Gleichgesinnte und Andersdenkende. Erkennen wir in uns selbst, wo Spaltung beginnt? Wo trennen wir zwischen ich und du; wir und die anderen? Wie leben wir Verbundenheit, Yoga? Wie überwinde ich den Graben zwischen mir und dem Andersartigen? Genügt es zu sagen, dass die Welt ein besserer Ort wird, wenn ich mich gut verhalte? Das sind Fragen, auf die ich hier keine Antwort geben kann. Ich weiß nur so viel, dass wir sie im Alltag und in gemeinsamen sozialen Feldern erforschen können.
Ich weiß auch, dass ich nicht wirklich gut leben kann, wenn ich nur mein Wohl und meine spirituelle Entwicklung im Auge habe – und wenn mich raushalte aus allem, was sonst in der Welt geschieht. In seinem Gedicht „Gründe“ schreibt Erich Fried 5: „Weil das alles nicht hilft / Sie tun ja doch was sie wollen / … / Weil man nur lachen wird: / Auf dich haben sie gewartet / … / Weil da niemand mehr durchsieht / sondern höchstens noch mehr kaputtgeht / … / Weil ich das lieber / Berufeneren überlasse / … / Das sind Todesursachen / zu schreiben auf unsere Gräber / die nicht mehr gegraben werden / wenn das die Ursachen sind.“
Das hier Gesagte mag insgesamt widersprüchlich klingen; einerseits ist da die Aufforderung sich zu erheben, zu handeln, auch Widerstand zu leisten, andererseits wird vom Nicht-Tun gesprochen. Was ist da wirklich das Richtige? Vor dieser Frage steht auch Arjuna: „Wenn du die Erkenntnissuche höher erachtest als das Handeln, oh Krishna, warum drängst du mich zu dieser fürchterlichen Tat?“ (BhG 3.1) Bei der ganzen Lehre der Gītā geht es eben um die Unterscheidung, was ein Handeln im Einklang mit dem dharma, mit der harmonischen Ordnung der Lebensgrundlagen ist. Wann gilt es, sich zu erheben, und wie, mit welcher Haltung? Wie setze ich mich für das Wohlergehen der Welt ein? Ist es besser zurückgezogen und still, den inneren Frieden zu kultivieren? Oder muss ich aktiv werden und mich beteiligen am Weltgeschehen?
Die Lehre der Gītā baut auf drei Elementen: Erstens, auf dem Brahma Vidya, der Erkenntnis dessen, was den Urgrund allen Seins bildet. Zweitens, auf dem Dialog zwischen der übergeordneten, umfassenden Sicht auf die Lebenszusammenhänge auf der einen Seite und den alltagspraktischen Fragen und Herausforderungen auf der anderen Seite. Beziehung und Interaktion sind bei der Lehre der Gītā ein wichtiger Bestandteil. Drittens, auf der Lehre des Yoga und ihrer Anwendung im praktischen Leben. Die Praxis ist unerlässlich, denn erst durch sie reift die Einsicht, was ein Handeln ist, das im Einklang mit der Gesamtheit des Seins steht. Was theoretisch erklärt wird und bei der intellektuellen Analyse widersprüchlich scheint, klärt sich allmählich auf durch die beständige, konsequente Erprobung und Anwendung in der Praxis des Alltags.
Yogapraxis ist nichts, was vom Alltag getrennt ist. Meditation ist nichts, was allein nur in der stillen Kammer passiert. Jede Begegnung, jedes Zuhören und Sprechen, jede unserer Tätigkeiten wird zur Meditation, wenn sie als Tätigkeit geschieht, die aus Stille und Klarheit hervorkeimt. Das ist es, was mit Nicht-Tun, mit vollkommener, offenherziger Achtsamkeit, mit Leere (śūnya) angesprochen wird. Dann wird Handeln zur selbstlosen Darbietung für das Wohl der Ganzheit. Dieser innere Bewusstseinszustand lässt sich nicht willentlich machen. Wir können nur durch die Stetigkeit unserer Praxis die Voraussetzungen dafür schaffen. Es gehört ein Loslassen dazu. Stetigkeit der Ausrichtung und Loslassen. Abhyāsa und vairāgya. Allmählich reifen wir dann eines Tages in die Antwort, in diese Erfahrung, in diese Haltung hinein.
Meditation ist unvoreingenommene Beziehung, Verbindung, Yoga. Vyāsa stellt in seinem Kommentar zum Yoga Sūtra gleich am Anfang fest: „Yoga ist samādhi.“ Vimala Thakar erläutert die achtgliedrige Yoga-Praxis mit den Worten: „Ziel und Absicht des ganzen Klärungsprozesses mittels yama, niyama, [āsana, prāṇāyāma, pratyāhāra, dhāraṇā, dhyāna und samadhi] ist einzig und allein, den Organismus zu sensibilisieren, so dass er die subtilsten Impulse und Strömungen fühlen kann, mit ihnen in Interaktion treten kann, darin eintauchen kann.“ Sie sagt, „Meditation stellt eine Revolution der Bewusstseinsqualität dar. Meditation ist eine Revolution in der Art zu leben und in Beziehung zu gehen. … Dann ist da eine Weisheit, die aus Stille und Freiheit hervorgeht. … Die Entfaltung des Potenzials der Weisheit oder der Liebe oder wie immer du es nennen magst, findet unvermittelt statt, wie das Fließen eines Flusses. Dann findet karma oder Tätigkeit ohne einen Macher (karta) statt, denn es ist die Weisheit, die sich als Geschehen entfaltet. … Davor gab es ein Ich-Konzept, ein von der Welt separiertes Konzept vom Ich-Bewusstsein, an das man sich klammerte, um ein Gefühl der Sicherheit zu finden. Jetzt gibt es keinen Mittelpunkt. Das mag poetisch und romantisch klingen, aber Leben ist Poesie.“
Erst wenn wir die Fixierung auf das „Ich und Mein“ überwinden, gelangen wir zu einem friedvollen Leben für alle, weiß die Bhagavad Gītā zu berichten: „Wer alle Begierden loslässt und ohne Erwartungen handelt, frei von „Ich und Mein“, gelangt zu tiefen, umfassenden Frieden.“ (BhG 2.70) „Wer sich für das Wohl aller Wesen verwendet, wird eins mit Brahman“ (BhG 5.25). Hier angesprochen ist ein Frieden, den ich in mir selbst entdecken werde. Doch er ist weder durch äußere Faktoren bedingt, noch ist er mir persönlich zugehörig. Er ist leer von „Ich-Mir-Mein“. Es ist ein Frieden, der aus der unermesslichen Weite des Seins, aus der Leere (śūnya) kommt, durch mich fließt und in die Welt ausstrahlt. Leer von mir und frei von dem Gedanken, was der Nutzen für mich sein wird, bin ich bereit, mich für das einzusetzen, was die Situation für das Wohl des zusammenhängenden, größeren Ganzen verlangt. Durch eine Haltung der selbstlosen Darbietung (yajña), kommen meine Handlungen in Einklang mit der harmonischen Ordnung der Gesamtheit (dharma). „Diejenigen, die nicht mit der Haltung des Yoga verbunden sind, haften den Früchten der Handlungen an, die von selbstbezogenem Verlangen geleitet sind. Dadurch geraten sie in Verstrickung. Verbunden mit Yoga werden diejenigen, die von den Früchten der Handlungen loslassen, vollkommenen Frieden erfahren.“ (BhG 5.12)
Damit die Idee, dass alles mit allem verbunden ist, nicht ein intellektuelles Konzept bleibt, sondern zu einer gelebten Erfahrung wird, ist es hilfreich, auch unsere Yogapraxis, um die Dimension der zwischenmenschlichen Begegnung und Interaktion zu erweitern. Erst wenn wir unser Handeln in der Welt als Yogapraxis verstehen, können wir die Feinheiten dessen ausloten, was es bedeutet verbundene Wesen zu sein. Die Vorstellung von Yoga als einer Praxis auf der Matte zu erweitern um die Erforschung und Reflexion von Alltagserfahrungen, kann diesen Prozess unterstützen. Wir können zudem experimentelle Räume schaffen, wo wir miteinander Yoga als Interaktion im sozialen Feld erforschen – was wir mit Kolleg:innen in verschiedenen Netzwerken begonnen haben. Yoga als eine Praxis im gemeinsamen Tun bringt uns einer kollektiven Spiritualität näher. Eigene meditative Praxis, selbstlos engagiertes Handeln in der Welt und gemeinsame, interaktive Forschungsräume bilden dann die Komponenten, die unsere Suche vorwärtsbringen und uns der spirituellen Erkenntnis der Verbundenheit näher herantragen.
Literatur:
0 Zitate aus der Bhagavad Gītā in Anlehnung unter anderem an:
Ravi Ravindra: The Bhagavad Gita. Boulder: Shambhala, 2017
Richard Freeman, Mary Taylor: When love comes to light. Boulder: Shambhala, 2020
1 Quelle in Wikipedia, abgerufen am 31.01.2025:
2 Thakar, Vimala: Insights into the Bhagavad Gītā. Delhi: Motilal Banarsidass, 2005
3 Mahatma Gandhi: The Bhagavad Gita. Mumbai, Jaico Publishing House, 2019
4 The Concept of „Lokasamgraha‟, As a Path of Harmony in Society, 2019
5 Fried, Erich: Gründe. Berlin: Wagenbach, 1989, 2012
6 Thakar, Vimala: Personal Discovery of Truth. Ahmedabad: Vimal Prakashan Trust, 1999
Alle Übersetzungen aus dem Englischen: Osman Yoncaova
Bild: Ekaterina Iliushkina | unsplash.com
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