Zwischen Ästhetik und Ethik: Eine Reise zu den Schatten spiritueller Praxis

Warum gute Absichten nicht ausreichen und wie wir Räume mit mehr Bewusstsein gestalten können

Ich bin gerade auf der Rückreise von Colombo nach Zürich und sitze am Flughafen in Doha. Mit einem Kaffeelatte in der Hand, lasse ich die letzten zwei Wochen Revue passieren. Eine Ayurvedakur mit meiner Freundin – voller Rückzug, Einkehr, wohltuender Behandlungen und intensiver Yogastunden mit Dinesh bei Sonnenaufgang.

Dinesh, unser singhalesischer Yogalehrer, hatte eine tiefe, warme Stimme, die mir in jeder Stunde mindestens einmal Gänsehaut bereitete. Wenn er seine Mantras rezitierte, fühlte es sich an, als würde jede einzelne meiner Zellen vibrieren. Ich hatte das Gefühl, an einer Quelle zu sitzen und den unverfälschten Geist von Yoga und Ayurveda zu atmen, dieser beiden jahrtausendealten Philosophien und Praktiken.

Ich glaube nicht, dass ich jemals lernen werde, die Mantras so zu rezitieren wie Dinesh. So pur, so geerdet, so tief. Ich war inspiriert und fühlte mich erholt und gestärkt. Gleichzeitig war da ein Unbehagen, denn ich wusste, dass diese Erfahrung ein Privileg war. Ich konnte sie nur machen, weil ich bestimmte Startbedingungen hatte, wie Geld, Reisefreiheit und Zugang zu Bildung.

Zwischen Skepsis und Neugier

Noch bevor wir abreisten, fragte mich meine Freundin, ob ich Lust auf einen „Woman Circle“ hätte, einen mehrstündigen Workshop über Weiblichkeit, Kakao-Zeremonie, Tanz und non-dualen Tantrismus, ganz in der Nähe unseres Ayurveda-Resorts.

Die Kursleiterin war Europäerin, schlank, braun gebrannt und zeigte sich auf Instagram in lasziven Posen und Bewegungen. Alles wirkte sehr beige, sehr schön, sehr weiß. Die Fotos und Videos zeigten hauptsächlich westlich gelesene Frauen. In mir regte sich sofort Widerstand. Ohne sie zu kennen, unterstellte ich ihr eine gewisse Oberflächlichkeit. Gleichzeitig erinnerte ich mich: Lisa, achte auf deine Vorurteile. Vielleicht gestaltet sie den Workshop mit Tiefe und Wertschätzung. Also meldete ich mich ebenfalls an.

Es war ein sonniger Tag und uns erwartete eine grünbewachsene Fläche an einem kleinen See, mit Palmen, Vögeln, einer grasenden Kuh und einem angenehmen Wind. Inmitten dieser Idylle stand ein runder Pavillon mit Strohdach. Drei Frauen waren noch mit den Vorbereitungen beschäftigt. Es lagen ungefähr zwanzig Sitzkissen im Kreis. In der Mitte stand eine Kobra- und eine Shiva-Statue und dazwischen qualmte Räucherwerk, eingerahmt von Blumen und weißen Pappbechern, die gerade mit Kakao befüllt wurden – alles liebevoll angerichtet. Es lief meditative Musik, die Stimmung war friedlich.

Tantra jenseits der Klischees

Nach der Begrüßung erzählte die Kursleiterin vom non-dualen Tantrismus, meiner philosophischen Heimat. Der Tantrismus, aus dem der Hatha Yoga hervorging, wird im Westen oft auf Erotik und Sexualität reduziert. Doch eigentlich geht es um Bewusstsein, Präsenz und die Überwindung von Gegensätzen. Besonders im kashmirischen Shivaismus, meinem Lieblingszweig, wird diese Einheit spürbar. Ein Kerntext ist das Vijñana Bhairava Tantra, ein meditativer Text, der mich seit vielen Jahren begleitet.

Im Vijñana Bhairava steht der Begriff madhya im Mittelpunkt, die Mitte oder der Raum zwischen zwei Dingen. Das kann die kurze Pause zwischen zwei Atemzügen sein, der Moment zwischen zwei Gedanken, der Übergang von Klang zu Stille. In diesen Zwischenräumen, jenseits von Gegensätzen, wie innen und außen, Anfang und Ende, zeigt sich eine tiefere Wirklichkeit. Für diese Praxis braucht es keine Yogamatte und kein äußeres Ritual, nur Präsenz und die Bereitschaft, in die Stille zu gehen.

Zurück zum Workshop. Wir wurden weiter in das Thema eingeführt. Es ging viel um Weiblichkeit und um das freie Ausleben weiblicher Energie. Männliche Energie kam dabei eher schlecht weg. Was mir immer wieder in spirituellen und esoterischen Kreisen auffällt, ist die Gleichsetzung von männlicher und weiblicher Energie mit biologischem Geschlecht (Gender). Dabei geht es hier um archetypische Kräfte, nicht um Mann oder Frau. Die Kernidee ist, dass jeder Mensch, unabhängig von Geschlecht oder Identität, beide Energien in sich trägt. Das Ziel in vielen spirituellen Praktiken ist die Harmonie und Balance dieser Energien, nicht die Abwertung einer Seite.

Dhumavati und die Kraft des Ungewissen

Dann sprach sie von Dhumavati, der Göttin der Leere, des Verlusts und des Übergangs. Sie ist eine der zehn großen Weisheitsgöttinnen, mahavidyas genannt, und erscheint faltig, alt und ungeschönt. Oft dargestellt als Witwe oder Alleinstehende. Dhumavati steht für jene Lebensphasen, in denen etwas zu Ende geht, ohne dass das Neue schon sichtbar ist. In ihrer Präsenz lädt sie uns ein, dem Unvollkommenen, dem Schmerzhaften und dem Ungewissen nicht auszuweichen, sondern darin eine tiefe, transformierende Kraft zu entdecken.

In der tantrischen Symbolik verkörpert Dhumavati den Schatten. Sie fordert uns auf, unsere eigene Dunkelheit nicht zu verdrängen, sondern als Teil von uns anzunehmen. Mich hat das sehr angesprochen. Ich bin mitten in den Wechseljahren, nicht mehr jung und noch nicht alt. Aus meinen therapeutischen Prozessen weiß ich, dass im Schmerz Tiefe liegt. Und genau dorthin führt uns Dhumavati. Sie erinnert uns daran, dass dieser Schmerz wie Humus ist. Der nährende Boden, aus dem heraus wir weiterwachsen und uns entfalten können.

Zwischen Fülle und Überforderung

Doch diese Einladung war kurz. Es folgte ein überladener Ablauf: Chanten, Kakao trinken, yogaähnliche Fitnessübungen, ekstatischer Tanz, immer wieder Anweisungen, durchgängig Musik – alles in zweieinhalb Stunden. Kaum Raum für echte Stille. Keine Zeit, um die Themen innerlich wirklich zu betreten und zu vertiefen.

Beim Tanz schloss ich die Augen. Der Druck, besonders „weiblich“, wild oder laut zu sein, war mir zu viel. Ich erinnerte mich an meine béninische Stiefmutter und wie sie mir als Kind ihre traditionellen Tänze zeigte. Ich nahm ein paar ihrer Bewegungen in meinen Tanz auf. Einmal fuhren wir zu einem Voodoo-Fest nach Ouidah, einer kleinen Küstenstadt in Bénin, die auch „die Wiege des Voodoo“ genannt wird. Ich sah dort bei einem rituellen Fest, wie Tanzende in Trance fielen. Das waren heilige Momente, keine Show oder Performance.

Ich tanzte weiter und plötzlich erschien eine ältere Version von mir selbst. Mein zukünftiges Ich. Ich tanzte mit meiner inneren alten Frau. Diese Begegnung war berührend. Doch kaum war ich eingetaucht, riss mich die Stimme der Kursleiterin wieder heraus. Wir sollten uns auf den Bauch legen, die Praxis wurde ruhiger.

Auch in der Entspannung lief durchgehend Musik. Es gab keinen einzigen Moment der wirklichen Stille. Keinen Raum, um zu spüren, was sich gezeigt hatte. Keine Zeit, um das Erlebte nachklingen zu lassen.

In der Abschlussrunde sprach sie von „unseren tantrischen Ahnen“. Ich dachte nur: Da wo wir herkommen – als weiße westlich gelesene Frauen – haben wir keine tantrischen Ahnen. Vielleicht zwei der Teilnehmerinnen, die BiPoc waren. Aber nicht „wir“. Unsere Vorfahren, haben diese Praktiken während der Kolonialzeit verboten und verzerrt. Das sind unsere Schatten. Dort führt uns Dhumavati hin.

Wenn gute Absicht nicht ausreicht

Der Workshop hat viel in mir bewegt. In der Abschlussrunde teilte ich das, was mich berührt hatte, die Begegnung mit meiner inneren alten Frau.

Gleichzeitig spürte ich das Bedürfnis, auch die kritischen Aspekte des Workshops zu reflektieren. Genau das versuche ich mit diesem Text. Ich sehe viele gute Ansätze bei der Kursleiterin. Ihre Themenwahl hat mich wirklich angesprochen und die Idee, einen Raum für Erfahrung und Austausch unter Frauen zu schaffen, finde ich wichtig und wertvoll. Auch ich sehne mich immer wieder nach solchen Räumen.

Aber der Workshop war überfrachtet. Es wurden Methoden aus ganz verschiedenen Kulturen zusammengewürfelt, ohne Kontext, ohne tieferes Verständnis, ohne Würdigung der Herkunft. Statt Raum für echte Erfahrung zu öffnen, drehte sich vieles eher um die Kursleiterin selbst. Ich fragte mich immer wieder: Was ist mit den Frauen, von denen diese Praktiken ursprünglich stammen?

Wie können wir auch ihre Perspektive in solche Räume einladen, auch wenn sie physisch nicht anwesend sind? Wie können wir durch ihre Augen schauen, uns mit ihren Geschichten verbinden und Räume schaffen, in denen auch sie sich gesehen und gewürdigt fühlen?

Genau da liegt für mich ein wichtiger Punkt:
Kulturelle Aneignung ist keine Frage der Absicht, sondern der Wirkung.

Fragen, die ich mir stelle

Ich glaube nicht, dass es um eine Anklage geht. Auch nicht darum, wer etwas „richtig“ oder „falsch“ macht. Sondern um die Bereitschaft, sich selbst zu hinterfragen.

Denn was in diesem Workshop für mich sichtbar wurde, war ein tiefer Widerspruch zwischen Absicht und Wirkung. Zwischen dem Wunsch nach Tiefe und der Art, wie diese Tiefe durch Schnelligkeit, Ästhetik und kulturell ungeerdete Rituale überdeckt wurde.

Ich konnte die gute Absicht der Kursleiterin erkennen und würdigen. Aber gute Absicht reicht nicht aus, wenn wir Rituale und Praktiken aus anderen Kulturen übernehmen. Es braucht Verständnis für den Ursprung, Reflexion über Machtverhältnisse und Respekt gegenüber der Geschichte, aus der etwas stammt.

Ich stelle mir selbst als Yogalehrerin immer wieder die Frage:

  • Was befähigt mich dazu, Yoga zu unterrichten?
  • Wie tief reicht mein Wissen – nicht nur technisch, sondern kulturell, spirituell und historisch?
  • Wie gehe ich mit Praktiken um, die nicht aus meinem Kulturkreis stammen, mit Demut oder mit Dekoration?

Dürfen wir Yoga praktizieren? Ja. Dürfen wir Rituale wie Kakao-Zeremonien oder Tanz integrieren? Vielleicht. Aber die entscheidende Frage ist: Wie tun wir es?

Und diese Frage dürfen wir immer wieder neu stellen. In unseren Yogastunden, in Retreats und im Alltag. Ohne uns zu verurteilen, aber auch ohne wegzusehen.

Verantwortung als Praxis

Ich wünsche mir Yogaräume, in denen Tiefe wichtiger ist als Lifestyle und Verantwortung Teil der Praxis ist. Räume in denen wir nicht alles wegmeditieren oder wegchanten, was weh tut, sondern uns trauen, wirklich hinzuschauen. In denen nicht Ästhetik das Maß aller Dinge ist, sondern Verbundenheit, Aufrichtigkeit und Kontextbewusstsein.

Vielleicht ist es genau das, was spirituelle Praxis im besten Sinne sein kann: Ein Weg, auf dem wir gemeinsam lernen, Fehler machen dürfen und trotzdem immer wieder neu nach mehr Bewusstheit streben. Mit einem kritischen, aber freundlichen Blick auf uns selbst. Dafür braucht es Mut und Räume, die wir für diese innere und kollektive Arbeit bewusst öffnen.

Das Lauschen in die Zwischenräume

Wir müssen nicht alles sofort verstehen oder „richtig“ machen. Wir dürfen lernen, unterwegs sein, uns immer wieder neu ausrichten. Wir können im Kleinen, bei uns selbst, beginnen. In der Art, wie wir zuhören, wie wir lehren, wie wir sprechen und wie wir Rituale gestalten. Dhumavati erinnert uns daran, dass auch das Unbequeme, das Nicht-Wissen und die Leere einen Platz haben dürfen. Sie lädt uns ein, die Zwischenräume nicht zu fürchten, sondern dort zu verweilen.

Gerade in der Leere, im Nichtwissen, im tastenden Fragen zeigt sich manchmal die ehrlichste Form von Verbindung. Und vielleicht ist es gerade das Unfertige, das Unbequeme, das uns tiefer führt als alles, was wir hübsch verpacken und auf Instagram posten können.

Vielleicht müssen wir gar nicht alles sofort wissen. Vielleicht reicht es, mit ehrlichen Fragen da zu bleiben. Im Zwischenraum, im Nicht-Wissen, im offenen Prozess:

Wie können wir Rituale so praktizieren, dass ihre Tiefe spürbar bleibt, statt sie auf äußere Formen zu reduzieren?

Wie können wir spirituelle Räume gestalten, die wirklich inklusiv und gerecht für alle sind, die darin Platz finden möchten?

Wie können wir unsere eigenen Wurzeln erkennen und gleichzeitig achtsam mit den Geschichten anderer Kulturen umgehen?

Wie finden wir echte Verbundenheit und wo kippt sie in spirituellen Konsum?

Welche Geschichten leben in den Praktiken, mit denen wir arbeiten und welche erzählen wir über sie weiter?

Wie können wir mit Integrität lehren – auch dann, wenn wir selbst noch unterwegs sind, noch Fragen haben, noch lernen?

Vielleicht liegt die Kraft nicht im schnellen Antworten, sondern im bewussten Fragen. So wie Rainer Maria Rilke es in seinem Gedicht „Über die Geduld“ beschreibt:

„Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antworten hinein.“

Nicht, um alles sofort zu wissen.
Sondern um gemeinsam bewusster zu werden.
Nicht aus Schuld.
Sondern aus Hingabe und Haltung.

Literatur:

Bäumer, Bettina: Vijñana Bhairava – Das göttliche Bewusstsein:  Verlag der Weltreligionen 2008

Chinnaiyan, Kavitha M.: Shakti Rising – Embracing Shadow and Light on the Goddess Path to Wholeness: New Harbinger Publications, Inc. 2017

Bild: Syed Ali | unsplash.com 

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